Hermann Giesecke 

Was Lehrer leisten

Porträt eines schwierigen Berufes

Weinheim/München: Juventa-Verlag 2001, 210 S.,  € 14,50





                                               
  Dieses Buch ist seit 2012 vergriffen und wird hier als PDF-Datei publiziert.


 

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG: LEHRER - EIN SCHWIERIGER BERUF IN DER .

1. LERNEN UND LEHREN

2. DIE ERFINDUNG DES UNTERRICHTS

3. LEHREN ALS ÖFFENTLICHE AUFGABE
Politische Legitimation durch Wissenschaft
Politische Legitimation durch Bildung

4. STAATLICHE SCHULHOHEIT UND LEHRAMT
Lehrpläne
Finanzierung
Verwaltung und Schulaufsicht
Lehrerausbildung
Übergang

5. LEHREN ALS SOZIALES HANDELN: DIE "PÄDAGOGISCHE BEZIEHUNG"
Der Lehrer als Erzieher
Soziales Lernen
Unterricht als Zentrum der pädagogischen Beziehung

6. DAS HANDWERK: DIDAKTIK UND METHODIK
Der Vortrag als Beispiel
Nutzen und Grenzen der wissenschaftlichen Didaktik
Methodische Inszenierung
Unterricht und Lernkontrolle

7. DAS PROFESSIONELLE LEITBILD: DER GUTE UND DER SCHLECHTE LEHRER
"Gute" und "schlechte" Lehrer
Lehrerleitbild und Lehrerethos

 Einleitung: Lehrer - ein schwieriger Beruf in der Krise 

Urteile und Vorurteile

Urteile und Vorurteile
Was tut eigentlich ein Lehrer? Wenn man ihn in der Schulklasse beobachtet, wird man nichts besonderes entdecken. Er spricht zu seinen Schülern, zeigt etwas an der Tafel, die Schüler antworten ihm, stellen ihrerseits Fragen. Auf den ersten Blick sieht das Ganze wie ein normales Gespräch aus. An seiner Tätigkeit scheint auch nichts besonders schwierig zu sein; er erklärt anderen, was er weiß. Auch wer nicht von Berufs wegen Lehrer ist, befindet sich oft in Situationen, in denen er anderen etwas beibringen muss - sei es in der Familie, im Beruf oder auch im Sportverein. Im Vergleich etwa zur Tätigkeit des Arztes erscheint die des Lehrers eher banal. Man könnte fast meinen, dass jeder sie verrichten könnte, dass dazu jedenfalls außer der notwendigen Kompetenz in der Sache keine besondere Fähigkeit benötigt wird. Vielleicht sieht der Beobachter aber auch noch etwas anderes, was ihn eher nachdenklich stimmt: Die Schüler sind unruhig, interessieren sich offensichtlich nur teilweise und ab und zu für das, was der Lehrer tut, er hat Mühe, sich in dem hohen Geräuschpegel überhaupt verständlich zu machen. Offensichtlich ist es nicht besonders einfach, alle Schüler zu interessieren. Vielleicht hat unser Beobachter als Schüler einmal Nachhilfeunterricht erteilt. Dann hatte er es in der Regel mit einem einzigen Schüler zu tun, hier aber steht ein Lehrer vor einer ganzen Klasse - offenbar eine andere Situation. Als Nachhilfelehrer konnte unser Zuschauer sich auf eine Person konzentrieren, Disziplinprobleme hatte er nicht zu erwarten. Aber er hat bei dieser Gelegenheit gewiss auch erfahren, wie schwierig es ist, das, was man selbst weiß, dem anderen nahe zu bringen. Dazu musste er sich nämlich gleichsam in den Kopf des Schülers hineindenken, herausfinden, warum er etwas nicht versteht. Gelöst hat er dieses Problem in der Regel durch Versuch und Irrtum, er hat es einfach solange und in unterschiedlichen Anläufen erklärt, bis der Schüler es verstanden hat. Dabei ist ihm bereits aufgefallen, dass es nicht genügt etwas zu wissen, dass es vielmehr auch darauf ankommt, das Wissen in eine solche Struktur zu bringen, dass es in den Verständnishorizont des Schülers eindringen kann. Was der Lehrer in der Schule sich dazu überlegt hat, kann man als nicht-fachlicher Zeuge einer Unterrichtsstunde kaum bemerken. Wenn die Schüler aufmerksam bei der Sache sind, kann man daraus schließen, dass der Unterricht wohl gut gelungen ist, aber man erkennt nicht, warum das so ist und warum es in anderen Fällen offensichtlich ganz anders verläuft.
Die Meinung, Unterrichten sei doch eigentlich ein einfacher Beruf, ist in der Öffentlichkeit weit verbreitet. Klagen der Lehrer über uninteressierte Schüler und über unzumutbare Arbeitsbedingungen werden selten ernst genommen; schließlich haben Lehrer mehr Ferien als jeder andere Berufstätige - oder?
Zwischen der offiziellen Bewertung von Lehrern und Volkes Stimme gibt es einen erheblichen Unterschied. Offiziell werden Lehrer als tragende Säulen des Gemeinwesens tituliert, in der allgemeinen Meinung jedoch werden ganz andere Urteile gefällt – man kann sie hören, wo immer man auf Eltern schulpflichtiger Kinder trifft. Das eher geringe Ansehen von Lehrern in der Gesellschaft hat wohl vor allem folgende Ursachen:
 - Lehrer haben es mit Kindern zu tun, nicht mit Erwachsenen. Das unterscheidet sie von anderen ebenfalls auf den Menschen bezogenen Berufen. Die Geringschätzung der Unmündigen, noch nicht Erwachsenen, färbt auf diejenigen ab, die mit ihnen umzugehen haben. Damit stimmt auch überein, dass das Ansehen eines Lehrers mit zunehmendem Alter der Schüler steigt, die er unterrichtet - vom geringen Prestige der Grundschullehrerin bis zum hohen Prestige des Hochschullehrers.
 - Die Berufstätigkeit selbst erscheint als etwas Sekundäres, Uneigentliches: "Who knows, does - who knows not, teaches", sagt man in England. Der Lehrer stellt nichts her, verteilt auch - außer Zensuren - nichts, was andere brauchen könnten; er bewegt sich nicht in gesellschaftlich bedeutsamen Bereichen wie Wirtschaft, Kultur, Forschung oder Politik. Wohl deshalb ist das Ansehen auch höher, wenn es nicht auf der Lehrtätigkeit selbst beruht, sondern auf der dahinter stehenden Fachwissenschaft, wie es beim Gymnasiallehrer zumindest früher der Fall war. Erst auf dem Hintergrund solcher Geringschätzung gewinnen Vorhaltungen über zu geringe Arbeit, zu viel Ferien und zu wenig Einsatzbereitschaft ihre voreingenommene Bedeutung - Lehrer als "faule Säcke" (Gerhard Schröder).
 - Erziehen und Unterrichten werden weitgehend als eine Fähigkeit betrachtet, die ohnehin jeder Mensch besitzt, weil ja schließlich jeder irgendwie mit Kindern zu tun hat. Lehrer verfügen über kein wirkliches "Geheimnis", also über keine spezifische Arbeitsweise oder Technologie, die als Besonderheit ihres Berufes gelten könnte. Überhaupt hat der Lehrerberuf von der modernen Technik, von der so viele andere Berufe Erleichterung erfahren haben, kaum profitiert; die Grundkonstellation der "pädagogischen Beziehung", von Angesicht zu Angesicht vor einer Klasse zu stehen, wirkt zwar inzwischen archaisch, ist aber technologisch trotz Internet und Computer nicht zu überwinden. Lehrersein ist auch in dieser Hinsicht ein "unmöglicher Beruf".
 - Nicht nur deshalb ist die physische und psychische Belastung enorm gestiegen, wie die wachsende Zahl der krankheitsbedingten Frühpensionierungen und die verbreiteten Burn-Out-Fälle zeigen. Der Öffentlichkeit ist die tatsächliche berufsbedingte Belastung weitgehend unbekannt, weil sie nur auf die Unterrichtsstunden sieht. Vorbereitung und Nachbereitung des Unterrichts, Korrekturarbeiten, Konferenzen, Gespräche mit Eltern usw. werden dabei nicht berücksichtigt.
 - Während früher die pädagogischen Fähigkeiten der Lehrer allenfalls mit denen der Eltern verglichen wurden, sind inzwischen neue Konkurrenten in Gestalt der Psychologen und Therapeuten in den Ring getreten. Wer heute nach "Fachleuten für das Kind" sucht, wendet sich fast selbstverständlich nicht mehr an Lehrer oder überhaupt an Pädagogen, sondern an Psychologen. Fast sieht es so aus, als seien "gute" Lehrer nur noch ausführende Organe psychologischer Supervisoren, didaktisch-methodische Arrangements nur noch Anwendungen psychologischer Lehrsätze.
 - Lehrer sein ist ein Beruf ohne besondere Karrierechancen. Die Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb des Berufes sind gering, weil entsprechende Stellen sehr knapp sind. Wer Karriere machen will, muss sie außerhalb des Berufes suchen, etwa in der Politik.
 - Lehrer neigen zu überhöhten Anforderungen an sich selbst, weil es kein Kriterium dafür gibt, wann sie "genug" geleistet haben, die Erwartungen in diesem Beruf vielmehr stets "nach oben offen" bleiben. Immer kann man noch mehr tun, sich noch besser vorbereiten, sich noch eingehender mit schwierigen Schülern befassen, noch mehr Fachbücher lesen. Da die Öffentlichkeit dieses "Mehr" auch erwartet, stellt sich leicht beiderseitige Unzufriedenheit ein. Weil es für die Lösung dieses Dilemmas keinen klaren Maßstab gibt, verbleibt die tatsächliche Leistung des Lehrers in der Sphäre einer eigentümlichen Unbestimmbarkeit.

Veränderungen
Damit sind allgemeine strukturelle Faktoren des Lehrerberufs angesprochen, aus denen sich Urteile und Vorurteile über ihn leicht speisen lassen. In den letzten Jahrzehnten sind jedoch Entwicklungen hinzugekommen, die sein Ansehen zusätzlich demontiert haben. Bestand das Leitbild eines guten Lehrers früher darin, dass er sachlich kompetent war, auf dieser Grundlage einen anregenden und verständlichen Unterricht darbot und im übrigen die Schüler freundlich und taktvoll behandelte, so werden nun vielfach zusätzliche oder an Stelle dessen andere Erwartungen an ihn gestellt, die einerseits unklar sind, andererseits in seinem Berufsbild bisher nicht vorgesehen waren. So wurde schleichend und zunächst gar nicht planmäßig der Aufgabenkreis des Lehrers immer mehr ausgeweitet - teils durch die Lehrer und ihre Organisationen propagiert, teils durch die Öffentliche Meinung gefordert: Kompensation für erzieherische Mängel, die man außerhalb der Schule zu erkennen meint, Defizite in der familiären Erziehung, massenmediale Überwältigung der Kinder und die Verlockungen der Konsumgesellschaft werden dabei immer wieder genannt. Diese Tendenz hat dazu geführt, dass das Berufsbild des Lehrers im Laufe der Zeit diffuser geworden ist. Weder in der Lehrerschaft selbst noch in der Öffentlichkeit gibt es darüber noch eine hinreichende Übereinstimmung. Sogar die Lehrerverbände haben Schwierigkeiten, sich über ein professionelles Lehrerleitbild zu verständigen, weil sie fürchten müssen, darüber in eine heftige Auseinandersetzung verwickelt zu werden.
Zudem haben international vergleichende Untersuchungen wie die TIMSS-Studien und andere bewiesen, dass die Schulleistungen deutscher Schüler im internationalen Vergleich übers Mittelmaß nicht hinauskommen und dass die bevorzugten erzieherischen Ziele der Schulpädagogik der letzten Jahrzehnte wie "soziales Lernen" ebenfalls nur im mäßigen Umfang erreicht wurden. Obwohl Lehrer nicht die einzigen Beteiligten sind, denen man die Verantwortung für dieses trotz allen beruflichen Engagements eher dürftige Ergebnis anlasten darf, hebt es das Ansehen ihres Berufes auch nicht gerade.
Zwei aktuelle Entwicklungen kommen hinzu: der erneute Lehrermangel einerseits und das altersbedingte Ausscheiden eines überdurchschnittlich großen Teils der Lehrerschaft andererseits. Beide miteinander zusammenhängende Faktoren könnten nun zu einer realistischen Neubesinnung über die wirklichen Aufgaben des Lehrers zwingen.
Der aktuelle Lehrermangel, der vor allem die naturwissenschaftlichen Fächer betrifft, war lange vorhersehbar und kein statistisches Geheimnis. Aber die Politik hat unter dem Diktat der Finanzminister nicht rechtzeitig reagiert, und nun werben die einzelnen Bundesländer sich die Lehrer gegenseitig ab. Noch bis in die unmittelbare Gegenwart hinein wurden qualifizierte Bewerber abgewiesen, denen man nun hinterher fahndet. Für die Lehrer selbst ist diese Mangelsituation eher ein Vorteil, weil Mangel immer das Ansehen derer steigert, die für dessen Behebung gebraucht werden. Lange Zeit selbstverständliche Einschränkungen wie Stellenkürzungen, Teilzeitstellen oder Verzicht auf den Beamtenstatus fallen bereits in sich zusammen. Junglehrer können sich wieder Stellen aussuchen und müssen nicht dankbar nehmen, was ihnen angeboten wird.
Dass auch Lehrer irgendwann in den Ruhestand treten müssen, ist nicht ungewöhnlich. Sehr selten ist jedoch, dass davon innerhalb weniger Jahre ein erheblicher Teil des ganzen Berufsstandes betroffen ist. In Deutschland werden in den nächsten 10 Jahren 300 000 Lehrer aus dem Schuldienst ausscheiden, das ist fast die Hälfte; diese Lücke ist selbst bei größter Anstrengung nicht durch Ausbildung von Nachwuchs zu schließen. Der enorme Abgang in kurzer Zeit hängt damit zusammen, dass Anfang der siebziger Jahre im Zuge der Bildungsreform und der dadurch hervorgerufenen personellen Expansion sehr viele Lehrer eingestellt wurden, die wegen des Rückgangs der Schülerzahlen und wegen der Sparmaßnahmen jüngere Nachfolger blockierten; die verfügbaren Stellen waren eben langfristig besetzt. Deshalb sind die Lehrerkollegien heute hoffnungslos überaltert. Während im Jahre 1970 noch 30 Prozent der Lehrer unter 30 Jahre alt waren, waren es im Jahre 1998 nur noch vier Prozent. Die fehlende Ausgewogenheit in der Altersstruktur der Lehrkörper hatte nicht nur Immobilismus zur Folge, sondern ist auch für den Bildungsprozess der Schüler unproduktiv, weil ihnen die geistige Spannweite nicht zur Verfügung steht, die von einer ausgeglichenen Altersstruktur ihrer Lehrer im allgemeinen zu erwarten ist. Dieser Mangel ist grundsätzlich nicht durch didaktisch-methodische Einfälle auszugleichen. Zudem ist der größte Teil der gegenwärtig amtierenden Lehrer wegen der fehlenden Altersdifferenz maßgeblich und einseitig durch Erfahrungen der Studentenbewegung geprägt – ohne damit konkurrierende andere Generationserfahrungen in den Kollegien.
Das wird sich wohl ändern, weil in den nächsten Jahren mit einem folgenreichen Umbruch in den Schulen zu rechnen ist, der auch zu einer Wende des schulpädagogischen Denkens führen könnte, insofern die Jungen nicht mehr durch die dominierenden Erfahrungen der Achtundsechziger und der aus ihnen hervorgegangenen anderen politisch-kulturellen Bewegungen (etwa Frauenbewegung, Umweltbewegung) bestimmt sind. Manches, was heute noch bildungspolitisch und schulpädagogisch als selbstverständlich gilt, wird in absehbarer Zeit möglicherweise keine Anhänger mehr finden, anderes wird in den Vordergrund rücken.
Einstweilen ist das natürlich noch Spekulation, auf jeden Fall jedoch wird die Frage nach dem Berufsverständnis des Lehrers neu gestellt und erörtert werden müssen. Wer heute als junger Lehrer in den Schuldienst eintritt, findet darauf kaum befriedigende Antworten, entsprechende Traditionen sind abgebrochen, alte Leit- und Vorbilder kaum mehr als allenfalls noch literarisch bekannt.

Zu diesem Buch
Ausgehend von der angedeuteten quantitativen wie qualitativen Krise des Lehrerberufs will dieses Buch einen Beitrag zur Besinnung und Neuorientierung leisten, der sich keineswegs nur an die Lehrerstudenten und Lehrer selbst, sondern auch an die Öffentlichkeit und hier nicht zuletzt an die Eltern richtet. Dabei hätte es wenig Sinn, der immensen wissenschaftlichen, apologetischen, ideologischen, interessenorientierten und volkstümlichen Literatur, die es zum Thema "Lehrer" seit langem gibt, ein weiteres Exemplar dieser Art hinzuzufügen.
Vielmehr geht es hier darum, die Tätigkeit der Lehrer in den Schulen unmittelbar in den Blick zu nehmen, als eine gesellschaftliche Praxis zu betrachten, die täglich stattfindet. Millionen Menschen - Schüler, Eltern - sind davon betroffen. Diese Schüler sind keine Erziehungswissenschaftler, ihre Eltern sind es nur ausnahmsweise. Gleichwohl haben sie eine Vorstellung über Sinn, Zweck und Funktion dieser Praxis entwickelt, sonst könnten sie ja nicht mit ihr umgehen. Gespeist wird diese Vorstellung insbesondere durch die Medien, die sich ihrerseits allgemeiner Leitbilder des Zeitgeistes bedienen, der sich wiederum vor allem auf Schlagworte aus vereinfachten wissenschaftlichen Kontexten beruft. Die daraus resultierende Konfusion ist nur zu überwinden, wenn die elementare Bedeutung von Schule und Unterricht und die daraus sich ergebende Aufgabe der Lehrer wieder zum Vorschein kommt - und zwar so, dass sie von der Bevölkerung auch verstanden werden kann.
Die Praxis der Lehrertätigkeit in der Schule wird nicht durch Wissenschaft hergestellt - so wenig, wie die praktische Politik lediglich eine Anwendung der Politikwissenschaft ist. In beiden Fällen geht es um Handeln, Wissenschaft ist lediglich ein Hilfsmittel, es zu verstehen und vielleicht auch hier und dort zu verbessern. Das Handeln des Lehrers ist begrenzt durch bestimmte - nicht zuletzt auch politische - Vorgaben und Bedingungen, aber innerhalb dieser Grenzen gibt es Spielräume für persönliche Entscheidungen, sonst wäre der Begriff des Handelns hier ohne Sinn. Um diesen Handlungsspielraum, der die eigentliche Professionalität des Lehrers ausmacht, geht es in diesem Buch.
Nun gibt es über die Frage, womit der Lehrer diesen Spielraum ausfüllen soll, worin also seine eigentliche Aufgabe besteht, gegenwärtig unterschiedliche Vorstellungen, die der kritischen Sortierung bedürfen. Das Ergebnis sei aber hier schon vorweggenommen:
Kernaufgabe des Lehrers ist, dass er lehrt, nämlich unterrichtet; um diese Aufgabe herum baut sich sein professionelles Selbstverständnis auf. Sie ist auch Ausgangspunkt und Grenze seines erzieherischen Wirkens und gibt allen seinen anderen - etwa verwaltungsmäßig notwendigen - Tätigkeiten Maß und Sinn.
Diese Auffassung gewinnt immer mehr an Boden, nachdem sie zeitweise in Vergessenheit zu geraten schien.  Sie wird sich nach meiner Überzeugung schon deshalb wieder durchsetzen, weil es für eine befriedigende Reproduktion und Weiterentwicklung der Gesellschaft keine Alternative zum erfolgreichen und langfristig angelegten Unterricht gibt.
Um den ebenso unersetzbaren wie auch begrenzten Sinn und Zweck des Schulunterrichts zu entdecken, wird im 1. Kapitel der übergreifende Begriff des Lernens als überall im gesellschaftlichen Leben aufzufindendes Phänomen beschrieben. Dieser Ausgangspunkt ist auch deshalb sinnvoll, weil seit geraumer Zeit "Lernen" den Begriff Unterricht teilweise verdrängt hat. Demgegenüber ist klarzustellen, dass "Unterricht" innerhalb der Fülle der Lernmöglichkeiten und Lernarrangements in der Gesellschaft nur einen zwar notwendigen und nicht zu ersetzenden, aber doch auch sehr begrenzten Teil abdeckt.
Im 2. Kapitel geht es dann um die Erfindung von Unterricht. Dazu dient eine Geschichte - eine Parabel - die in der menschlichen Frühzeit angesiedelt ist. Aus der gewaltigen Distanz zur Gegenwart soll deutlich werden, wie und warum Unterricht eigentlich erfunden wurde, aus welchen Zwecken und Notwendigkeiten er sich fast zwangsläufig ergab. Aus diesem Beispiel ergeben sich erste Reflexionen über die inhaltlichen und methodischen, aber auch sozialen Schwierigkeiten des Vorhabens "Unterricht".
Das 3. Kapitel wendet sich wieder der Gegenwart zu und erklärt, wieso der Unterricht der Lehrer an unseren Schulen im Kern politisch, keineswegs primär pädagogisch fundiert ist. In einer demokratisch verfassten Gesellschaft müssen jedoch politisch begründete Maßnahmen, zumal wenn sie wie hier mit Zwang (Schulzwang) verbunden sind, eine die Entscheidungslogik begründende und von der Bevölkerung akzeptierbare Legitimation erhalten. Im Falle des allgemeinbildenden Schulwesens besteht sie in den Postulaten der "Wissenschaftsorientierung" und der "Bildung".
Aus der politischen Begründung und Fundierung unseres öffentlichen Schulwesens resultieren eine Reihe staatlicher Einzelkompetenzen und Einflussnahmen (Lehrplankompetenz, Schulaufsicht, Finanzierung, Lehrerausbildung), die den Arbeitsplatz des Lehrers bestimmen und damit seinen Handlungsspielraum sowohl ermöglichen als auch begrenzen; davon handelt das 4. Kapitel. Ein realistisches Verständnis des Lehrerberufes muss diese Randbedingungen in sich aufnehmen.
Die das bildungspolitische Handeln des Staates legitimierenden Prinzipien der "Wissenschaftsorientierung" und der "Bildung" müssen folgerichtig auch zu Leitmotiven des Unterrichts und damit zum Teil des professionellen Selbstverständnisses des Lehrers werden. Unterricht kann daraus aber erst dann werden, wenn es dem Lehrer gelingt, zu seinen Schülern eine bestimmte, eigentümliche, sonst im gesellschaftlichen Leben nicht anzutreffende menschliche Beziehung aufzubauen, ohne die kein produktives Lehr-Lern-Verhältnis entstehen kann - meist "Pädagogischer Bezug" bzw. "Pädagogische Beziehung" genannt. Davon ist im 5. Kapitel die Rede.
Eine letzte Kompetenz des Lehrers, nämlich die didaktisch-methodische, wird im 6. Kapitel vorgestellt: Was soll er warum, wie und mit welchem Resultat beibringen? Diese Kompetenz bedarf nicht nur einer soliden fachlichen Grundlage, sondern auch kreativer Einfälle.
Das Schlusskapitel versucht eine Summe zu ziehen: Was ist ein "guter", was ein "schlechter" Lehrer, und welches "Leitbild" ist diesem Beruf angemessen? Diese Fragen geben Gelegenheit zur kritischen Auseinandersetzung mit jüngst dazu vorgelegten Stellungnahmen aus Deutschland und der Schweiz und zur Warnung vor übertriebenen Erwartungen an "Schulautonomie" und "Evaluation". Die Überlegungen münden in einer pragmatischen "Checkliste", an Hand derer sich professionelles Lehrerverhalten überprüfen lässt.
"Was Lehrer leisten" wird in diesem Buch nicht als Tatsache empirisch ermittelt oder einfach nur behauptet. Vielmehr geht es darum, realistische Maßstäbe für diesen Beruf, der immerhin eine bedeutsame öffentliche Institution repräsentiert, aus der Tätigkeit selbst und ihren Bedingungen zu entwickeln, an denen sich die jeweilige persönliche Leistung einigermaßen gerecht beurteilen lässt. Dumpfe Ressentiments helfen da ebenso wenig weiter wie übertriebene Erwartungen. Man kann nicht einerseits ständig von einer "Wissensgesellschaft" sprechen, in der Transfer und Kommunikation von Wissen eine immer größere Bedeutung bekommen, und andererseits denjenigen Berufsstand weiterhin kleinreden, dessen Bedeutung für diesen Transfer kaum zu überschätzen ist. Deshalb lohnt es sich, eine Lanze für einen Beruf zu brechen, der - richtig ausgeübt - ein geistig in hohem Maße schöpferischer ist, was leider bei den Resultaten selten zu erkennen und deshalb meist nur Insidern bewusst ist.

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