Hermann Giesecke /Annelie Keil /Udo Perle

Pädagogik des Jugendreisens

München: Juventa-Verlag 1967
Reprint: Bielefeld: IFKA-Verlag 2002, 216 S., € 17,50


INHALT

VORWORT 

EINLEITUNG 

ERSTER TEIL: PROBLEME EINER PÄDAGOGISCHEN THEORIE DES TOURISMUS

Kritik pädagogischer Freizeittheorien
Kritik pädagogischer Urlaubsvorstellungen
Entwurf eines theoretischen Ansatzes
Allgemeine Lerndefizite jugendlicher Touristen

ZWEITER TEIL: TOURISMUS ALS LERN- UND ERFAHRUNGSFELD

Die sozialen Beziehungen
Größe und Integration der Reisegruppe; Die Altersgliederung; Die gemischt-geschlechtliche Zusammensetzung; Die Zusammensetzung nach sozialen Schichten

Der Komfort.
Der private Komfort; Der Geselligkeitskomfort

Das Angebot
Die sachlich orientierte Geselligkeit; Die gemischt-geschlechtliche Geselligkeit; Die Erschließung der touristischen Umwelt

Führungsstile und Beziehungen zwischen Leitung und Gruppe.
Die Beziehungen von Leitung und Feriengruppe als Rollen-Ensemble; Kollektive Führungsformen; Urlaub als zeitlicher Prozeß;

Für und wider den "jugendeigenen" Tourismus

DRITTER TEIL: FOLGERUNGEN UND VORSCHLÄGE

Entwurf einer Didaktik der Reiseleiterausbildung
Vorschläge für die Veranstalter
Vorschläge für die öffentliche Subvention
Vorschläge für weitere pädagogische Experimente

QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS



Vorwort zur Reprintausgabe (2002)

Die "Pädagogik des Jugendreisens" war, als sie 1967 erschien, in dreierlei Hinsicht ein ungewöhnliches Buch. Zum einen beruhte es auf einer umfangreichen empirischen Untersuchung unter der Leitung von Helmut Kentler. Derart angelegte Forschungen über pädagogische Aufgaben und Felder waren damals fast unbekannt und steckten methodologisch noch in den Kinderschuhen. Kernstück waren die aus der "teilnehmenden Beobachtung" gewonnenen Berichte über zahlreiche jugendtouristische Projekte.

Zum anderen befasste es sich mit einem Thema, das bis dahin außerhalb des erzielungswissenschaftlichen bzw. pädagogischen Gesichtskreises lag, nämlich mit den damals aufblühenden jugendtouristischen Projekten. Diese überwanden das jahrzehntelange Monopol des am Ideal des "Jugendgemäßen" orientierten jugendpflegerischen Urlaubs für Jugendliche und stellten ihm eine Alternative an die Seite, die am damals ebenfalls noch jungen kommerziellen Erwachsenentourismus orientiert war; beide Formen eines speziell für junge Leute konzipierten Reiseangebotes gibt es bis heute.

Zudem überschritt das Buch Grenzen des pädagogischen Denkens jener Zeit, weil die Autoren sich nicht dem üblichen kulturkritischen Grundsatzverdikt der kommerziell bestimmten Freizeit- und Konsumwelt anschlossen und die jugendtouristischen Projekte nicht von vornherein lediglich nach tradierten pädagogischen Normen bewerteten. Vielmehr deuteten sie den Tourismus unter Anerkennung seiner kommerziellen Rahmenbedingungen als ein spezifisches Lernfeld, in dem allerdings "Erziehung" im herkömmlichen Sinne eines Normentransfers von Erwachsenen zu Jugendlichen nur noch eine begrenzte Bedeutung haben konnte. Die Leitfrage war vielmehr, was im Rahmen dieses besonderen Feldes für dessen optimale und souveräne Nutzung gelernt werden könnte und wie solche Lernprozesse dort etwa von den Reiseleitern unterstützt werden könnten. Der daraus abgeleitete Entwurf einer Pädagogik des Jugendreisens wurde zudem nicht nur theoretisch skizziert, sondern auch mit einer Fülle praktischer Vorschläge angereichert, deren Erfahrungshintergrund die Aus- und Fortbildung von Reiseleitern war.

So nahm das Buch einige Entwicklungen vorweg, die sich erst später voll entfalten konnten. Dazu gehört nicht zuletzt der Perspektivenwechsel von einer von außen herangetragenen Erziehung zum subjektiv motivierten Lernen, der sich inzwischen sogar in der Schulpädagogik weitgehend durchgesetzt hat. Er verleiht – neben den praktischen Hinweisen - dem Text weiterhin Aktualität.

Dem Verlag IFKA e.V. ist zu danken, dass er dieses Buch 35 Jahre nach seinem Erscheinen wieder zugänglich macht.

Hermann Giesecke

Einleitung (Auszug)
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So nahe es läge, dieses Buch mit einer Geschichte der pädagogischen Gedanken zum jugendlichen Reisen zu beginnen, so wenig würden wir damit die neue Problematik des jugendlichen Tourismus wirklich erreichen; denn diese pädagogische Überlieferung ist begrenzt auf den Bereich der traditionellen Erziehungsmächte, den es ja gerade zu überschreiten gilt. Um die pädagogische Bedeutung des modernen Tourismus erkennen zu können, müssen wir uns vielmehr seinem System selbst zuwenden. So erscheint es uns sinnvoller, im ersten Teil nicht die Geschichte des pädagogischen Jugendreisens, sondern die Geschichte der pädagogischen Freizeittheorie knapp nachzuzeichnen, um zu prüfen, inwieweit diese Theorie dem Phänomen der Freizeit gerecht werden und inwiefern eine pädagogische Theorie des Jugendtourismus daran anknüpfen kann. Es wird sich dabei zeigen, daß nicht nur diese Theorien, sondern auch die heute in der Praxis allgemein auffindbaren Vorstellungen über Reisepädagogik für einen überzeugenden theoretischen Ansatz ungeeignet sind. Aus der Kritik an jenen Theorien und Vorstellungen heraus wollen wir dann einen eigenen Ansatz formulieren, in dem wir den modernen Tourismus als ein eigentümliches, unaustauschbares Lern- und Erfahrungsfeld definieren.

Der zweite Teil wird dieses Feld näher beschreiben, indem er im Rahmen des vorliegenden empirischen Materials ein Faktorenmodell entwickelt, das die Lernwirkungen und Lernhemmungen in einen geordneten Zusammenhang bringt.

Der letzte Teil schließlich entwickelt sowohl aus dem vorhandenen wissenschaftlichen Material wie aus den praktischen Erfahrungen der Autoren Vorschläge für die Reiseleiterausbildung, für die Reiseveranstalter und für die öffentliche Subvention sowie für weitere pädagogische Forschungen.
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Tourismus ist für uns eine Sammelbezeichnung für alle organisierten Formen des Urlaubsreisens, ob sie nun "rein kommerziel" sind oder mit pädagogischen Motiven aus öffentlichen Mitteln subventioniert werden. ... . Wir verstehen unter "Tourismus" also zum Beispiel von vornherein sowohl die organisierte Massenreise von kommerziellen Reiseunternehmungen als auch sogenannte "Jugenderholungsmaßnahmen" der Jugendpflege, soweit es sich nicht um Stadtranderholung oder Kurmaßnahmen handelt. Die zwischen beiden Formen bestehenden Unterschiede zeigen nur, daß der moderne Tourismus - bei Licht betrachtet - keineswegs ein konformistisches Gesicht hat, sondern eine Fülle von Reiseformen widerspruchslos in sich vereinigen kann.
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Wir halten das Moment der Organisation im Sinne eines mehr oder weniger umfangreichen Systems von Dienstleistungen deshalb für so wichtig im Rahmen dieser Definition, weil es das Gesicht des modernen Tourismus entscheidend bestimmt. Wenn dank der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung tendenziell alle Menschen verreisen können - noch dazu in bestimmten Stoßzeiten -, dann wird ein ungeheures Maß an vorplanender Organisation erforderlich. Das Verkehrschaos in den Hauptreisezeiten belehrt uns darüber, was geschehen würde, wenn tatsächlich jeder "spontan" und "auf eigene Initiative" verreisen wollte. Die planende Organisation zwingt zur Rationalisierung und ermöglicht sie: verreisen wird billiger und dadurch wieder für mehr Menschen erschwinglich. Die unumgänglich notwendige Organisation gewinnt nun auch Einfluß auf die Formen des Verreisens: Preisgünstig ist das, was leicht zu organisieren ist. Das hat nun keineswegs dazu geführt, wie man meist fälschlich annimmt, daß alle früheren "klassischen" Formen des Verreisens von der touristischen Form überflügelt worden seien. Vielmehr haben wir heute einen Formenreichtum des Reisens wie nie zuvor. Man kann sich keine noch so eigenwillige Reise ausdenken, die nicht in jedem Falle leichter zu organisieren wäre als noch vor 50 Jahren.

Wir messen dem Organisationscharakter des modernen Tourismus deshalb eine so konstitutive Bedeutung zu, weil man keine pädagogische Theorie des Tourismus mehr entwerfen kann, die nicht davon ausgeht, daß prinzipiell alle Menschen verreisen können. Dieser Gesichtspunkt ist deshalb so wichtig, weil alle herkömmlichen pädagogischen Theorien über das jugendliche Reisen Theorien für Minderheiten waren; sie hatten nur solange eine Chance, wie nicht alle Menschen, die dafür in Frage kamen, sie auch beanspruchten. Am deutlichsten läßt sich das am Wandern zeigen. Alle deutschen Wandergegenden sähen monatelang wie der Berliner Grunewald am Sonntagnachmittag aus, wenn alle Menschen, die verreisen können, wandern wollten - wie das der bisher herrschenden pädagogischen Theorie vorschwebt. Die Exklusivität des Wanderns beruht gerade darauf, daß die meisten anderen Reisenden sich anderer Reiseformen bedienen. Eine pädagogische Theorie des Tourismus muß also den inneren Zusammenhang von Demokratisierung und Massenorganisation grundsätzlich akzeptieren, wenn sie ernst genommen werden will. Das bedeutet aber, daß Probleme des modernen Jugendtourismus eben nicht mehr einfach aus der Perspektive der jugendpflegerischen Tradition betrachtet werden können.

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